OPEN URBAN ART EXCHANGE (2023)

Erster internationaler Urban Art Kongress in der Alten Feuerwache Mannheim

Vom 6. bis 8. Oktober 2023 fand in Mannheim erstmals der OPEN URBAN ART EXCHANGE statt – eine internationale Plattform für Austausch, Kooperation und Netzwerkbildung in der Street-Art-Szene. Eingeladen hatte STADT.WAND.KUNST Künstler*innen und Vertreter*innen von Festivals und Projekten aus Deutschland, Finnland, Jordanien, den Niederlanden und Serbien. Die Gäste von renommierten Street-Art-Festivals wie ALL CAPS (Rotterdam), Baladk (Amman), DUK Festival (Čačak), Helsinki Urban Art und STADT.WAND.KUNST Mannheim präsentierten ihre Arbeit, Projekte und Visionen.

Der OPEN URBAN ART EXCHANGE 2023 in Mannheim widmete sich zentralen Fragen zur Zukunft, Wahrnehmung und strukturellen Verankerung von Street Art und Graffiti. Im Fokus standen dabei Herausforderungen im Umgang mit Förderung, nachhaltiger Projektentwicklung sowie der Bedarf nach stärkeren Netzwerken innerhalb der Szene.

Als zentrales Thema wurde die Idee einer gemeinsamen Plattform oder Lobby diskutiert – angelehnt an Modelle wie den Bundesverband Bildender Künstler oder den Verband Deutscher Kunsthistoriker. Eine solche Plattform könnte sowohl intern als auch extern funktionieren: mit einem internen Bereich für Wissenstranfer zwischen den einzelnen Projekten zu Themen wie Förderanträge, Projektkalkulation, rechtliche Grundlagen, sowie einem öffentlichen Bereich mit einem Artist-Verzeichnis, Hintergrundinformationen zur Szene, Hilfestellungen für Auftraggeber und Informationen zur Umsetzung von Murals. Ziel ist es, sowohl die Professionalisierung der Szene zu fördern als auch potenziellen Partner*innen transparente und niedrigschwellige Zugänge zu ermöglichen.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt war das Verhältnis zwischen Street Art und Graffiti, insbesondere die Spannungen und Missverständnisse, die zwischen beiden Ausdrucksformen bestehen. Der Künstler Hombre SUK (Pablo Fontagnier) betonte in seinem Wrap-Up die Gefahr, dass Graffiti im Zuge des Street-Art-Booms in den Hintergrund gedrängt werde. Graffiti sei ein ephemeres, szeneninternes Ausdrucksmittel, das sich grundlegend von der publikumsorientierten Street Art unterscheide. Während Street Art öffentlich sichtbar, kuratiert und häufig gefeiert werde, sei Graffiti oft flüchtig, ungesehen und schwer zugänglich. Hombre verwies auf die Wurzeln der Street Art in der Graffiti-Kultur und warnte vor einer kulturellen Aneignung ohne Anerkennung dieser Ursprünge. Er plädierte dafür, Street-Art-Festivals als brückenschlagende Institutionen zu begreifen, die Graffiti gezielt integrieren und so zur Entstigmatisierung beitragen können. Der Austausch zwischen beiden Szenen, so die Empfehlung, sollte gefördert werden – auch durch beratende Expert*innen, die Festivals und Städte dabei unterstützen, mit den kulturellen Unterschieden konstruktiv umzugehen.

Fotos: Alexander Krziwanie

Ein weiterer inhaltlicher Block drehte sich um die Frage der Nachhaltigkeit in der Street-Art-Szene. Die Transformationsmanagerin Laura Knobloch hinterfragte in ihrer Keynote kritisch den inflationären Gebrauch des Begriffs „Nachhaltigkeit“ und betonte die Notwendigkeit, kulturelle Aspekte in Nachhaltigkeitsdebatten einzubeziehen. Im anschließenden Panelgespräch mit Anna Lafrentz und Dalal Mitwally ging es nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch um die sozialen und kulturellen Dimensionen. Die Street-Art-Szene könne hier durch bewusstes Handeln eine Vorreiterrolle einnehmen: etwa durch ressourcenschonende Mobilität (Zugreisen statt Flügen), längere Aufenthalte für internationale Artists, Müllvermeidung bei Festivals oder die bewusste Wahl von Materialien. Auch die Verantwortung der Künstler*innen selbst wurde thematisiert: Ihre Reichweiten könnten genutzt werden, um nachhaltige Themen sichtbarer zu machen und Vorbildfunktionen zu übernehmen. Trotz aller ökologischen Überlegungen müsse jedoch die künstlerische Qualität stets im Zentrum stehen.

Ein weiterer wichtiger Programmpunkt war die Vorstellung des von der Künstlerin HERA initiierten Projekts „Sisterpool“, das sich für die Sichtbarkeit und Sicherheit weiblicher Street Artists einsetzt. Als Vetreterin betonte Anna Lafrentz, dass Künstlerinnen noch immer oft nicht ernst genommen, sexualisiert oder marginalisiert werden. Um dieser strukturellen Benachteiligung entgegenzuwirken, soll eine internationale Datenbank weiblicher Artists aufgebaut werden. Diese soll nicht nur Sichtbarkeit schaffen, sondern auch Auftraggebern ermöglichen, gezielt diverse Künstlerinnen zu finden – und damit der oft gehörten Ausrede entgegenwirken, keine passenden weiblichen oder nicht-binären Künstler*innen zu kennen. Auch hier wurde der Ruf nach nachhaltigen Strukturen laut, die Schutzräume bieten und langfristig Gleichstellung ermöglichen.

Fotos: Alexander Krziwanie

Bereits in den Tagen vor dem eigentlichen Kongress konnten Besucher*innen den Entstehungsprozess neuer Murals live mitverfolgen. An zwei Standorten in Mannheim – der Spinelli Sports Gym und der Mittelstraße – arbeiteten internationale und lokale Künstler*innen wie Barbara Helmer, Dalal Mitwally, Jussi27, GOLDEN GREEN, CEON, CZOLK, Jens Richter, Meiner und Perez DTA an neuen großformatigen Wandbildern, die dauerhaft den Stadtraum bereichern.

Beim OPEN URBAN ART EXCHANGE entstandene Murals

Fotos: Alexander Krziwanie

Insgesamt zeigte der OPEN URBAN ART EXCHANGE 2023, wie viel Potenzial in der Auseinandersetzung mit Street Art und Graffiti steckt – nicht nur als künstlerische Formen, sondern als gesellschaftlich relevante, kulturell tief verankerte Ausdrucksweisen. Die Veranstaltung verdeutlichte, dass Vernetzung, Bewusstseinsbildung und nachhaltiges Handeln zentrale Bausteine für die Zukunft der Szene sind. Street Art und Graffiti stehen heute vor der Herausforderung, ihre Wurzeln zu bewahren, sich gleichzeitig weiterzuentwickeln und dabei inklusive, nachhaltige Strukturen zu schaffen, die ihre kulturelle Bedeutung langfristig sichern.

Der Kongress war mehr als ein Treffen – er war ein starkes Statement für die Relevanz von Street Art im öffentlichen Raum, für internationale Solidarität und für die notwendige Professionalisierung einer globalen Bewegung. Die Veranstaltung markierte einen wichtigen Schritt hin zu nachhaltiger Netzwerkbildung, fachlichem Austausch und zur Anerkennung von Street Art als ernstzunehmende Kunstform – im Dialog, auf Augenhöhe, über Grenzen hinweg.



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