Das fertige Mural von Seth für STADT.WAND.KUNST

Pariser Street Artist Seth gestaltet Mural an der Mozartschule in M6

Mittels Kreide, Pinseln, Bürsten, Schnur und Sprühdose brachte SETH, einer der bekanntesten französischen Street Artists, seinen kleinen, entschlossenen Fahnenzug in nur drei Tagen an die Fassade der Mozartschule. Die Backsteine lieferten ihm das Leitmotiv dieser Arbeit: breaking the wall. Typisch sind die Kinder in seinen Bildern. Die Kinder, deren Gesichter wir so gut wie nie zu sehen bekommen, damit wir unsere eigenen oder andere darin sehen, und selbst entscheiden können, was auf den Gesichtern zu lesen ist. Es sei wichtig, von Zeit zu Zeit auszubrechen, aus Mauern wie aus Gedanken. Auf der Flagge finden sich nicht etwa Symbole oder Zeichen und damit ist die Message offen — wie die Wand — und kennt keine Grenzen — wie der Himmel.

Das fertige Mural von Seth für STADT.WAND.KUNST

Das fertige Mural von Seth für STADT.WAND.KUNST „Skipping School / L’École Buissonnière“ (2020) in M6, 12, 68161 Mannheim (an der Mozartschule)

Das Video zum Entstehungsprozeß „Skipping School / L’École Buissonnière“

Das Mural „Skipping School / L’École Buissonnière“

Das Klavierspiel der Studierenden der Musikhochschule schwang sanft zu SETH herüber, der in aller Seelenruhe mal auf der Hebebühne steht und Pinselstrich für Pinselstrich den dreidimensionalen Rahmen der Himmelsfahne malt, mal auf dem Boden liegend die Schuhspitzen der kleinen Fahnenträgerin aufhellt. Das kleinste Mural der bisherigen STADT.WAND.KUNST-Reihe ist gleichzeitig auch eins der anmutigsten und tiefgründigsten. Schön anzusehende Motive mit Kindern eignen sich laut SETH hervorragend, um auch schwerwiegendere Themen darin zu verpacken und sich trotzdem eine breite Aufmerksamkeit zu sichern.

Das fertige Mural von Seth für STADT.WAND.KUNST

„Skipping School / L’École Buissonnière“ (zu Deutsch „Schule schwänzen“) ist das erste Mural, das einer der bekanntesten Street Artists Frankreich in Deutschland anfertigt. Wie das sein kann, fragen wir uns und ihn. Er sei all die Jahre bzw. Jahrzehnte auf seinen unzähligen Reisen lieber weit weg in fernen Ländern unterwegs gewesen. Corona und das zunehmende Alter einhergehend mit den Schwierigkeiten, den Jetlag zu handeln, zwingen ihn, Aufträge nicht mehr ganz so weit weg von seiner Heimatstadt Paris anzunehmen, verrät er mit einem Augenzwinkern. Überhaupt bringe die aktuelle Krise — wie grundsätzlich jede Krise — seine Kreativität in Schwung und inspiriere ihn zu neuen Denkanstößen und Motiven. Er braucht das. So entstanden in den letzten Wochen und Monaten an diversen Hausfassaden in Paris eine ganze Reihe von SETH-Murals, alle mit dem gleichen Untertitel „I take advantage of a Paris emptied of its population to paint my feelings about our new world.“

Fotos vom Entstehungsprozeß des Murals

Die Idee zu seiner Mannheimer Wand kam ihm zum einen durch Eindrücke von Fotos der Fassade der Mozartschule, zum anderen bei einer Fahrt mit seinem Roller durch die Straßen der französischen Hauptstadt. Das helfe ihm öfter auf der Suche nach dem letzten Inspirationsfunken. Anschließend fertigte er in seinem Atelier mehrere Skizzen an. Für die Umsetzung vor Ort zeichnete SETH in den Abendstunden nach seiner Ankunft mit Hilfe von Projektion und dünnen Kreidestrichen die groben Umrisse seiner Figuren und der Fahne an die Wand. In den darauffolgenden zweieinhalb Tagen vollendete er — unterbrochen von zahlreichen Fans, Fotografen, neugierigen Passanten, Spaghettieis und Espressi — mittels Pinseln, Bürsten, Schnur und Sprühdose sein neustes Werk. Die Sprühdose kam dabei verhältnismäßig selten, aber perfekt dosiert für einzelne Akzente und feine Schattierungen zum Einsatz. Es wäre ihm genauso möglich gewesen, dieses Bild in kürzerer Zeit zu vollenden; dann wäre es auch gut, allerdings weniger detailreich geworden. Um trotz des Verkehrslärms in der Mannheimer Innenstadt und den zahlreichen Zaungästen zur Ruhe kommen zu können, lies er sich bei der Arbeit über kaum sichtbare Kopfhörer von französischen Chansons aus den 50er und 60er Jahren berieseln.

Das fertige Mural von Seth für STADT.WAND.KUNST

Breaking the wall

Die rotbraune Backsteinfassade der Mozartschule in M6 ist aufgebrochen zu einem Fenster in den weiten, hellblauen Himmel, durch den kleine weiße Wolken schweben. Gleichzeitig dient dieser Himmel als große Fahne, die von einem Zug dreier munterer Kinder aus der Wand herausgetragen wird. Richtung Zukunft. Ursprünglich hatte SETH die Idee, die Treppe und das Fenster des neben der Wand liegenden gläsernen Treppenhauses in sein Motiv einzuarbeiten, doch schließlich lieferten ihm die Backsteine das Leitmotiv dieser Arbeit: Breaking the wall. 

Das fertige Mural von Seth für STADT.WAND.KUNST

Grundsätzlich bezieht er die Umgebung und die Beschaffenheit der Fassaden immer mit in seine illustrativen Gemälde ein. Typisch sind eben auch die Kinder in seinen Bildern. Die Kinder, deren Gesichter wir so gut wie nie zu sehen bekommen, damit wir unsere eigenen oder andere darin sehen und selbst entscheiden können, was auf den Gesichtern zu lesen ist. Es sei wichtig, von Zeit zu Zeit auszubrechen, aus Mauern wie aus Gedanken. Und in die andere Richtung zu schauen. Auf der Flagge finden sich nicht etwa Symbole oder Zeichen — die Botschaft ist offen wie die Fassade und kennt keine Grenzen — wie der Himmel. 

SETH GLOBEPAINTER „Skipping School / L’École Buissonnière“ (2020) in M6, 12, 68161 Mannheim (an der Mozartschule)

Den entschlossenen Fahnenzug führt ein Junge mit regenbogenfarbener Baseball-Cap und einer rot-weiß gemusterten Umhängetrommel an. Volker Schlöndorffs Film „Die Blechtrommel“ habe ich schon als Kind beeindruckt und er möchte uns in Mannheim etwas zurückbringen von unserer Kultur. Gefolgt wird er von einem Mädchen mit wehendem Pferdeschwanz und rot gestreiftem Rock, mit großen Schritten die schwere Fahne tragend. Gerade noch hinterher kommt die kleinste der drei SchulschwänzerInnen mit Pippi-Langstumpf-Zöpfen, Brille und einem großen, schweren Buch in den ausgestreckten Händen. 

Hier befindet sich das Mural

Zum Künstler SETH GLOBEPAINTER

SETH begann Mitte der 90er Jahre, sich auf den Häuserwänden seiner Heimatstadt Paris auszuprobieren und erlangte schnell Bekanntheit für seine „Characters“ (Figuren). Er absolvierte ein Kunststudium an der Pariser „Ecole Nationale des Arts Décoratifs“, arbeitete u.a. in der Werbebranche, veröffentlichte mehrere Bücher und eine mehrteilige Fernsehdokumentation über Urban Art. Neben Fassadengemälden widmet sich Julien Malland, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, Kunst in Form von Installationen, Fotografie oder dem Malen auf Leinwand. Sein nächstes Projekt ist ein großes Mural in Paris, bevor es im Herbst zum zweiten Mal nach Deutschland, dieses Mal in die Hauptstadt, geht. Sein Künstlername SETH, den er gelegentlich zu SETH GLOBEPAINTER erweitert, bezieht sich auf verschiedene Quellen und Hintergründe wie z.B. die ägyptische Gottheit oder die Zahl 7 (französisch „sept“), oder die sieben Weltmeere und Kontinente, und ist damit ein universeller Name. Universell wie die Sprache, die er mit seinen Bildern spricht. Mehr zum Künstler hier oder auf der Homepage von Seth.

Ein Kommentar von Katharina Tremmel
Fotos von Alexander Krziwanie


Die Entstehung dieses Murals wurde gefördert durch das Impulsprogramm „Kultur Sommer 2020“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.



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